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Schneesturm auf dem Bahnhof

Mit dem Einbau neuer Fenster begann die Sanierung unserer Plattenbauwohnung. Es war Winter, an einem der kältesten Tage im Dezemeber 1994. Das Thermometer zeigt Minus 12°C an.

Diese Kälte und der Krach, den die Handwerker bei dem Ausbau der alten Fenster und beim Einbau der neuen machten, gingen mir sehr auf das Gemüt.

Also setzte ich mich in den Regionalzug nach Neudietendorf, um den Baumaßnahmenzu entkommen. In einem Zugabteil zu sitzen, aus dem Fenster das Schneetreiben zu beobachten, und die Freude auf meine ein halbes Jahr alte Enkeltochter ließen mich froh meinem Ziel entgegenfahren.

Noch vor Erfurt setzte ein solcher Schneesturm ein, daß es Mittag um 13 Uhr so dunkel wurde wie sonst um 18 Uhr abends. Im kürzester Zeit waren die Felder, die Straßen und Häuser, war die ganze Landschaft mit einer dicken, weichen Schneedecke verhüllt.

In diesem Regionalzug saßen nur sehr wenige Fahrgäste. Bei solchem Wetter blieb wahrscheinlich jeder zuhause, der nicht gezwungen war, wegzufahren. Ich aber wollte in Neudietendorf aussteigen, in der frohen Erwartung, bei meiner Tochter und Enkeltochter eine warme gemütliche Stube vorzufinden.

Der dichte Schneesturm ließ mich den Bahnhof nur erahnen. Als einziger Fahrgast stand ich am Wagenausgang und wartete auf das Anhalten des Zuges. So viel ich auch rüttelte und drückte, die Zugtür ging nicht auf. Mit aller Krafte stemmte ich mich dagegen, doch sie ließ sich nicht öffen. Voller Panik sah ich mich um, ich war alleine, kein Mensch weit und breit zu sehen. Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung, ein letztes Mal rüttelte ich an der Zugtür, plötzlich öffnete sie sich endlich. Ich stülpte mir die Kapuze meines schweren Wintermantels auf den Kopf und passierte mutig die Wagentreppe in der Hoffung, den Bahnsteig zu erreichen. Doch erschreckend mußte ich feststellen, dass ich keinen festen Boden unter den Füßen hatte, sondern in ein Loch stürzte.

Auf dem Rücken liegend fand ich mich in einer tiefen, zugeschneiten Baugrube wieder. Ganz dicht über meinem Kopf rollten die Wagen des Zuges an mir vorüber. Über mir sah ich ihre Achsen und Verstrebungen vorbei ziehen. Mein erster Gedanke war, so eine dumme Sache, jetzt wirst du auf einem einsamen Bahnhof mitten am Tag, mitten in Deutschland sterben. Der Schnee deckt dich zu und niemand wird dich bemerken. Ich ging davon aus, dass ich mir das Rückgrat gebrochen habe und mich nicht bewegen kann. In der Grube liegend sah ich Schneeflocken, die immer noch schwer und dicht auf mich herunter fielen. Nach geraumer Zeit hörte ich am Rande der Baugrube jemanden empört sagen: «Sie, wenn Sie sich das Leben nehmen wollen, dann aber nicht bei uns auf dem Bahnhof in Neudietendorf.» Ein sehr alter Mann mit einem Gehstock in der Hand stand über mir und sah mich böse an. Froh darüber, daß mich überhaupt ein Mensch bemerkt hatte, beteuerte ich, dass ich mir nicht das Leben nehmen wolle, sondern aus dem Zug gefallen sei. Knurrig hielt er mir seinen Gehstock entgegen und musste ich dabei noch tief bücken, damit ich das Ende des Stockes erfassen konnte. Nach etlichen Versuchen gelang das auch. Nur mit großer Mühe zog er mich dann aus der Grube. Immer noch im Schneesturm stehend schimpfte er auf mich ein und sagte mit wütender Stimme: «Wer bei so einem Wetter aus dem Hause geht, hat keinen Verstand im Kopf.» Ich allerdings merkte erstaunt und glücklich, dass ich meine Arme und Beine bewegen konnte. Der Rücken schmerzte sehr, aber ich konnte ganz vorsichtig gehen. Mein Schutzengel in Gestalt des alten Mannes war verschwunden. Langsam und mit aller Vorsicht machte ich mich auf den Weg zur Wohnung meiner Tochter.

Dort angekommen fand ich sie in heller Aufregung. «Stellt Dir vor, in unserer Schule hat es heute gebrannt, ein Schüler hat eine Matraze angezündet. Das zweistöckige Schulhaus musste geräumt werden. Über 100 Kinder wurden evakuiert. Feuerwehren waren da, die Kriminalbeamten und die Polizei befragten die Lehrerschaft. Stell Dir vor, bei einem schlimmen Schneesturm standen wir mit über hundert Kindern auf dem Schulhof. Gottseidank ist kein Kind dabei zu Schaden gekommen.»

Ohne ein Wort zu sagen, kochte ich Kaffee und sagte kleinlaut: «Ja, heute hätte mich der Schneesturm wahrscheinlich begraben, wenn mich nicht ein seltsamer alter Mann gerettet hätte.» Sie glaube mir nicht so recht, bewegte es sie doch noch im starken Maße, dass sie als junge Lehrerin an diesem Tage eine große Verantwortung gehabt und sie gut gemeistert hatte.

Mich erinnerte an diesen merkwürdigen Tag ein Bluterguß am Rücken und an den Armen, der mich monatelang auf dem Bauch hat schlafen lassen.

Dumme Anspielungen auf meinen roten und blauen Rücken und Arme blieben mir nicht erspart:« Dein Mann hat Dich aber recht schlimm verprügelt», oder «Bei der nächsten Schlägerei würde ich aber einen anderen Körperteil hinhalten.»

Diese und ähnliche «Spitzen» mußte ich mir anhören. wenn ich zu meiner wöchentlichen Saunabesuch ging. So recht hat mir keiner geglaubt, Aber etwas mehr Mitgefühl hätte mir gut getan. Deshalb habe ich mein kleines Reiseerlebnis aufgeschrieben.

Weimar, den 13. 6. 2001